Wie gelingt die Anerkennung ukrainischer Abschlüsse aus besetzten Gebieten? Diese zentrale Frage stand im Mittelpunkt einer gemeinsamen Informationsveranstaltung der Projekte „Fahrplan Anerkennung beruflicher Abschlüsse Plus II“ (FAbA+ II) und „Bridge“. Am 15.04.26 berichteten die Expertinnen im Art-Café Aviator über konkrete Wege zur Anerkennung in Deutschland.
Vielen erscheinen Zeugnisse und Diplome nur als ein Blatt Papier, doch für die Menschen, die sich am 15.04.26 im Art-Café Aviator versammelt haben, bedeuten diese Dokumente alles: den Nachweis ihrer Qualifikation, Jahre hartnäckiger Arbeit und die Chance auf berufliche Verwirklichung in einem neuen Land. Aus diesem Grund organisierte das Projekt „Fahrplan Anerkennung beruflicher Abschlüsse Plus II“ im Club Dialog e.V. in Zusammenarbeit mit dem Projekt „Bridge“ eine wegweisende Informationsveranstaltung: „Herausforderungen und Lösungswege bei der Anerkennung ukrainischer Bildungsnachweise in Deutschland. Die Möglichkeiten der Anerkennung von Schul- und Hochschulabschlüssen, die in den vorübergehend besetzten Gebieten erworben wurden“.

Die Beraterin Olha Pantofelman vom Projekt FAbA Plus II hat in mühevoller Kleinarbeit offizielle ukrainischen Quellen ausgewertet und eine Präsentation vorgelegt, die dieser komplexen Thematik umfänglich gerecht wird.
„Wie entstand die Idee zu diesem Seminar?“, fragten wir Olha Pantofelman.
In ihrer langjährigen Praxis erlebt sie immer wieder, dass Absolvent*innen ihre Originaldokumente nach dem Studium oft gar nicht erst abholen.
„Die offizielle Statistik und unsere Erfahrung zeigen: Die Menschen kümmern sich meist aufgrund von Informationsdefiziten nicht um ihre Unterlagen. Viele glauben fälschlicherweise, dass das Schulzeugnis nach dem Erwerb eines Hochschulabschlusses nicht mehr benötigt wird“, erklärt Olha.
In Deutschland ist jedoch gerade das Schulzeugnis das Fundament für jede weitere berufliche Ausbildung oder ein Studium. Erst Jahre später, in der Emigration, wird den Menschen schmerzlich bewusst, wie wichtig ein vollständiger und ordentlicher Dokumentensatz ist. Dies gilt insbesondere für sogenannte reglementierte Berufe – wie Ärzt*innen, Lehrer*innen oder Ingenieur*innen.
Auf der Veranstaltung wurden zudem zahlreiche Mythen rund um Diplome aus den besetzten Gebieten widerlegt. Als das Thema Bildung in den besetzten Gebieten zur Sprache kam, ging eine Welle der Besorgnis durch das Publikum, denn viele Teilnehmer*innen befürchteten, dass ihre Bemühungen vergeblich sein würden. Doch Olha Pantofelman gelang es zu beweisen, dass die Anerkennung möglich ist. Es ist ein komplexer Weg, der Kenntnisse der aktuellen politischen Lage und ein Verständnis für die Besonderheiten deutscher Behörden wie der ZAB (Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen) erfordert, aber er ist absolut gangbar.
Darüber hinaus wurden Informationen zum Zugang zu den Archiven bereitgestellt. Dank des hohen Entwicklungsstands der digitalen Technologien in der Ukraine sind der Zugriff auf Archivdaten und die Wiederherstellung von Dokumenten derzeit über sichere Fernzugriffskanäle möglich.
Neben den technischen Aspekten erhielten die Teilnehmer*innen eine Art „Etikette“-Unterricht in der Kommunikation mit deutschen Behörden. Olha gab Tipps, wie man sich verhält, wenn Originale fehlen, wie man seine Position begründet und wie man den Schriftverkehr mit offiziellen Stellen richtig führt, um ein positives Ergebnis zu erzielen.
Die Atmosphäre des Treffens war voller Hoffnung und Motivation. Die komplexen bürokratischen Prozesse wurden in ukrainischer und russischer Sprache in verständliche Schritt-für-Schritt-Anleitungen übersetzt. Die wichtigste Erkenntnis des Seminars ist, dass eine fehlende Anerkennung von Abschlüssen kein endgültiges Urteil ist, sondern ein Prozess, in dem der Einzelne nicht machtlos ist.
„Für Menschen mit einem in der Ukraine erworbenen ausländischen Bildungsabschluss ist diese Information von entscheidender Bedeutung, damit sie ihre Strategie für den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt planen können“, betont Claudia Chahor, Leiterin des Projekts „Bridge“.
Dank professioneller Unterstützung durch das Projekt FAbA Plus II, digitaler Hilfsmittel und eigener Beharrlichkeit lässt sich eine solide berufliche Brücke ins Leben in Deutschland schlagen, unabhängig von der Komplexität der Ausgangsbedingungen.
